An den Regierenden Bürgermeister von Berlin
Herrn Michael Müller
Berliner Rathhaus
Jüdenstraße
10178 Berlin
OFFENER BRIEF: Berlin, den 29.04.18
Erklärung des Besetzerinnen Kollektivs zur Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz
Nach Dercons Demission: Zukunft der Volksbühne muss öffentlich ausgehandelt werden.
Das Kollektiv bietet seine Mitarbeit an und beansprucht Spielstätte während des Interims. Das
Kollektiv möchte den Findungsprozesses für die Zukunft der Volksbühne mitgestalten und ein
grundlegend neuartiges Leitungs- und Gestaltungskonzept initiieren
Wir, das Kollektiv und 40.000 Unterzeichnende der Petition zur Neuverhandlung der Zukunft der
Volksbühne, haben vor den nun eingetretenen katastrophalen Entwicklungen an der Volksbühne
gewarnt. Die abgetretene Administration der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz hat für ihre
Zerstörung des Sprechtheaters mit Ensemble und Repertoire auch noch den variablen Teil des
Jahresetats des Hauses binnen sieben Monaten verpulvert. Dieses gescheiterte Experiment ist als
kulturpolitischer Skandal auf betrieblicher, künstlerischer, inhaltlicher, politischer und finanzieller Ebene
noch lange nicht beendet – und wird sobald nicht vergessen sein.
Die jetzige Phase der Vakanz ist eine Phase neuer Gefährdungen, aber auch neuer Möglichkeiten für
die Volksbühne und die Stadt. Das Kollektiv sieht die Zukunft der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-
Platz als avantgardistisches Sprechtheater mit Ensemble und Repertoire.
Keine weitere »Besetzung« nötig
„Alle Beteiligten sind sich einig, dass die Volksbühne diverser, weiblicher, jünger werden soll.“
(Klaus Lederer im Tagesspiegel 15. April 2018 Nr. 23 441)
Die nun eingetretene Situation ist also eine der Offenheit und Unbestimmtheit. Unter diesen
veränderten Umständen wäre es somit nicht notwendig, die Volksbühne erneut mit einer
künstlerischen Intervention zu besetzen. Das Ziel einer öffentlichen Neuverhandlung der Zukunft der
Volksbühne haben wir gemeinsam mit dem Publikum und Kennerinnen der Materie innerhalb und als
Teil der Berliner Stadtgesellschaft erreicht.
Ab sofort ist es möglich, die geforderte öffentliche Verhandlung über die künftige Leitung umzusetzen.
Den Mitarbeiterinnen, Fachleuten und dem Publikum muss in diesem Prozess die notwendige Zeit und
echtes Mitspracherecht eingeräumt werden. In den sechs Tagenim September 2017 hatten wir hierzu
bereits unser Grundlagenkonzept vorgestellt. (*Verweis auf unser Konzept B6112.) Die Volksbühne als
zentralen Ort der Aushandlung zu bestimmen und sowohl die Zukunft des Theaters als auch die
unserer Stadt hier auszutragen erscheint uns auch weiterhin sinnvoll.
*https://b6112.de/2017/09/23/das-konzeptpapier-b61-12/
Offene Versammlung am 06.05.18 um 16 Uhr
Unsere künstlerische Intervention kritisierte die Hinterzimmerpolitik (Undurchlässigkeit politischer
Entscheidungsverfahren) und ihre relative Willkür, die sich auch jetzt wieder unter Ausschluss der
Öffentlichkeit fortzusetzen droht. Wir warnen vor vorschnellen Nominierungsvorschlägen und
Fehlbesetzungen. Wir setzen ab sofort die Verhandlungen über die Zukunft der Volksbühne öffentlich
fort. Durch das Abhalten offener Versammlungen werden die verschiedenen Interessen sichtbar
gemacht. Die erste Versammlung findet am 06.05.18 ab 16 Uhr
auf dem Rosa-Luxemburg-Platz statt.
»Wir haben alle miteinander gezeigt: Öffentliche Güter können von hier aus wieder
öffentlich verhandelt werden! Von hier aus wird eine positive Vorstellung
über unsere gemeinsame Zukunft in Berlin greifbar.« – das Kollektiv
Das Kollektiv bietet konstruktive Mitarbeit an
Wir fordern:
Das Zentrum des Hauses, die Große Bühne, muss überwiegend für ein wiederaufzubauendes
Ensemble und Repertoire vorbehalten sein. Zerstörte Strukturen müssen behutsam neu aufgebaut
werden. Das Kollektiv arbeitet seit der Besetzung an eigenen Formen des Theaterbetriebs. Auf Grundlage der
hierdurch gewonnen Erfahrung erscheint uns eine zukünftige Theater- und eine neue Ensemblestruktur
möglich. Unser Ensemblebegriff umfasst dabei sowohl die künstlerische Arbeit und Produktion als auch
die Verwaltung einer Spielstätte. Wir produzieren unter diesen Bedingungen kontinuierlich
Repertoirestücke.Diese Stücke sind punktuelle Expressionen unseres Prozesses.Wir arbeiten ineigenem Auftrag.
Der Premierenbetrieb wird durch unser wachsendes Ensemble und die laufenden Produktionen aufrechterhalten.
Der Aufbau des Kerns des Sprechtheaters wird durch unser Kollektiv um eine lebendige und konstante
Nutzung der kleinen Spielstätten der Volksbühne erweitert, (d.h. Roter Salon, Grüner Salon sowie die etwaige Nutzung der Probebühnen, dies beinhaltet auch den Spielbetrieb für ein Publikum an diesen Orten).
Gesellschaftliche Öffnung Wir werden dieses Konzept einer gesellschaftlichen Öffnung, die gemeinsam durch ein Ensemble vollzogen wird, an der Volksbühne weiterführen. Uns ist bewusst, dass in Anbetracht der finanziellen
Schieflage des Hauses, diese Form kollegialer Organisation für das Haus als Ganzes, im Augenblick
nicht in Frage kommt. Wir wissen aber, dass es dem Haus möglich ist, uns eine Spielstätte sowie ausreichende technische und finanzielle Ressourcen zur Verfügung zu stellen, um uns in der Interimszeit Gelegenheit zu geben,
unsere Idee gleichberechtigter Organisiation unter dem Gedanken der ökonomischen Rechte
weiterzuentwickeln und beispielhaft am Haus umzusetzen. Dafür schlagen wir eine quantifizierbare Vereinbarung mit der Interimsleitung vor, die die Zusammenarbeit mit Künstlerischem Betriebsbüro (KBB), der technischen Leitung, Werkstätten und Hausbetriebstechnik in klar strukturierter Weise regelt. Dafür kommen etwa der Grüne Salon und der Bookstore in Betracht – sowie eine Zwischennutzung einer Probebühne mit klar quantifizierten
technischen Ressourcen des Betriebes. Wir öffnen unsere Räumlichkeiten auch für die Zivilgesellschaft und
all jene Gruppen die unter der jetzigen Stadtentwicklung leiden und denen wir auch zuvor die Tore geöffnet haben.
Wir wünschen uns ein Theater in dem politische Diskussionen nicht nur ein Programmpunkt im Spielplan, sondern eine ästhetisches Gefüge bilden. Interim: Große Bühne für Wiederaufbau als Theater; kleine Spielstätten für gesellschaftliche Öffnung Gelingt es uns, unter diesen Laborbedingungen neue theatrale Formen und kollektive
Leitungsstrukturen weiterzuentwickeln, kann in einem nächsten Schritt das Gesellschaftsexperiment ausgeweitet werden. Der Prater ist aus unserer Sicht der hierfür geeignetste Ort. Dieser Prozess künstlerischer Selbstverwaltung ist bereits für sich von Interesse und von Relevanz: Es handelt sich um den Versuch, die ökonomischen und administrativen Bedingungen, unter denen in Berlin Theater gemacht wird, neu auszuhandeln. Die offene Verhandlung der Kollektiven Intendanz ist ein experimenteller Beitrag zur exemplarischen Entwicklung eines zukünftigen Leitungs- und Gestaltungskonzeptes der Volksbühne.
Mit freundlichen Grüßen,
Ihr Kollektiv
Nachtrag:
Aufgrund der Unsicherheit darüber von wem der Offene Brief denn eigentlich stammt, laden wir noch einmal zu der angekündigten Versammlung auf dem Rosa-Luxemburg-Platz am 06.05.2018 um 16 Uhr ein, auf der Ihr Kollektiv als Veranstalter anwesend sein wird. Wir möchten auch darauf hinweisen, dass wir kein weiterer „Erzählstrang einer transmedialen Inszenierung“ sind. Sondern ein Großteil derer, die die künstlerische Intervention B6112 an der Volksbühne vorbereitet, umgesetzt und nach der Räumung inhaltlich weiterentwickelt haben.
Wir sind das Kollektiv, das sich aus der „Besetzung“ heraus entwickelt hat und die damals formulierten Ideen praktisch erprobt und seitdem gemeinsam  arbeitet. Unser Kollektiv besteht aus Handwerkern, Theatermachern, Filmemachern, Philosophen, Soziologen, Musikern, Studenten Schauspielern, freien Künstlern, Architekten, Köchen, Gastronomen uvm. Wir fordern vor allem einen öffentlichen und offenen Diskurs und laden auch die Facebookadministratoren von B6112 ein, sich an diesem Diskurs zu beteiligen. Die im Brief formulierten Wünsche einer Teilhabe an diesem Prozess der Aushandlung sind als Angebot unsererseits zu verstehen. Dieses Angebot besteht im wesentlichen aus zwei Teilen. Einerseits dem Organisieren, Garantieren und Anregen eines öffentlichen und offenen Diskurses unter Einbindung und Entwicklung theatraler Mittel und andererseits dem regelmäßigen Bespielen einer oder mehrerer Nebenspielstätten wie z.B. die Salons oder Foyers, und zwar unter einer experimentellen Leitungsstrukur der „kollektiven Intendanz“ (siehe B6112.de). Dieses Selbstexperiment soll es uns praktisch erlauben, Alternativen auszuprobieren und exemplarisch umzusetzen. Diese Labor-Bedingungen bleiben auf die zu Verfügung gestellten Räume und Mittel beschränkt, gleichzeitig aber soll die Interimszeit als Gelegeheit wahrgenommen und als Freiraum genutzt werden, um in einem überschaubaren Rahmen endlich mal etwas Neues zu wagen.
Mit freundlichen Grüßen,
Ihr Kollektiv
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