B61-12

 

Wer sind wir?

 

Seit mehr als einem Dreivierteljahr hat ein harter Kern von etwa 40 Personen mit einem Mantel von bis zu 110 Menschen aktiv an dieser Operation mitgewirkt. Ein Atelier diente dabei als Einsatzzentrale. Größere Versammlungen wurden von unterschiedlichen Institutionen wohlwollend beherbergt. Unser Kunstkollektiv und die Operation Staub zu Glitzer verabschieden sich an Tag x. Staub zu Glitzer ist Geschichte. Ab sofort wird sich im Rahmen dieser mimetischen Inszenierung ein neues Kollektiv konstituieren. Wir laden hiermit herzlich ein zur Partizipation.

Insbesondere möchten wir auch das ehemalige künstlerische Personal der Ära-Castorf dazu einladen, sich bei dieser Großinszenierung vielfältig zu engagieren. Wir wünschen ausdrücklich auch die Einbindung von Repertoire-Stücken aller ehemaligen Regisseur*innen in den Spielplan.

 

 

Die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz als Symbol der Stadtentwicklung

 

Wir wollen mit unserer transmedialen Theaterinszenierung ein Zeichen setzen gegen die aktuelle Kultur- und Stadtentwicklungspolitik. Neben der extremen und unverfrorenen Verdrängung der Wohnbevölkerung findet eine ebenso starke Verdrängung kultureller Einrichtungen wie Clubs, Ateliergemeinschaften oder Theaterbühnen statt zugunsten einer an Massentourismus und Profit orientierten Kulturlandschaft.

Unser lebendes Kunstwerk steht für eine andere, mögliche Zukunft. Wir stellen uns der heutigen Entwicklung entschlossen entgegen. Sie ist kein Naturgesetz und entspringt einer von uns Menschen gesetzten Ordnung, die nur solange gilt, solange wir sie als solche tragen oder hinnehmen. Die Übergabe der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz an Chris Dercon ist aus unserer Sicht symptomatisch für die gesamte Stadtentwicklung. Nahezu unsichtbar wird die Zukunft unserer Stadt unter Ausschluss der Öffentlichkeit bestimmt, verschleudert und verschachert. Dabei geht es uns nicht um die Person Chris Dercon. Er ist inzwischen mehr Opfer als Täter in diesem Prozess. Neben der berechtigten Kritik aus der Fachwelt an dem neuen Konzept der Volksbühne als Plattform gab es eine Reihe von Protestaktionen gegen diese Entscheidung: offene Briefe der Theaterbelegschaft, Demonstrationen, ein Trauermarsch, Performances, Theateraufführungen und eine Petition mit über 40tsd Unterzeichnenden. Doch die Politik verweigert ein Einlenken, lieber wird auf geschlossene Verträge verwiesen. Verträge jedoch sind nur legitim, wenn die Bedingungen, unter denen sie geschlossen wurden, von den Betroffenen als ebenso legitim erachtet werden. Dass der ehemalige Staatssekretär Tim Renner 90Mio. Euro Steuersubventionen beim Abendessen und unter Ausschluss der Öffentlichkeit, gegen den Willen aller Betroffenen vergab, ist, wenn auch legal, äußerst fragwürdig. Verträge sollen mehr Sicherheit bringen und nicht zur allgemeinen Verunsicherung beitragen. Genau das aber scheint für viele in der Stadt immer mehr der Fall zu sein.

Ganze Bevölkerungsgruppen werden faktisch zwangsumgesiedelt. Menschen müssen wegen steigender Mieten ihren Wohnort verlassen und werden damit größten persönlichen Unsicherheiten und Ängsten ausgeliefert. Unser Kunstwerk möchte diesen Prozess der gesellschaftlichen Entfremdung, Ausgrenzung und Kommerzialisierung unterbrechen und zu einer theatralen Denkpause einladen. Eine Denkpause, in der wir uns mit unserer gemeinsamen Zukunft beschäftigen. Zu diesem Zweck fordern wir Chris Dercon auf, von der künstlerischen Intendanz der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz zurückzutreten. Zugleich unterstützen wir sein Engagement für den Theaterstandort am Flughafen Tempelhof. Wir fordern die Stadt Berlin auf, Chris Dercon, sollte er dieses wünschen, diese oder eine andere angemessene Wirkstätte zur Verfügung zu stellen und entsprechende Mittel im Haushaltsplan festzusetzen. Dabei laden wir alle, von Dercon bereits verpflichteten, Künstler*innen für die Bühne am Rosa-Luxemburg-Platz ein ihre Projekte wie geplant zu verwirklichen, wenn sie an diesem transmedialen Gesamtkunstwerk partizipieren möchten.

 

Wir erheben keinen originären Anspruch auf die Leitung der Volksbühne. Wir verlangen eine Neuverhandlung der Zukunft des Theaters unter Einbeziehung von Fachleuten, der angestellten Mitarbeiterschaft und dem Publikum der Bühne. Ein Zeitraum von zwei Jahren ist hierfür ein realistischer Zeitrahmen. In diesen zwei Jahren soll ein Verfahren entwickelt werden, mit dem in Zukunft eine Übergabe von Kultureinrichtungen sinnvoll strukturiert und legitimiert werden kann. So sollte unbedingt die Mitarbeiterschaft des Hauses bei Veränderung der Intendanz einwilligen müssen und mit einem Vetorecht ausgestattet werden, da sonst die Zerschlagung von Kultureinrichtungen aus politischen Motiven oder einfacher Unwissenheit heraus droht. Ein breiter öffentlicher Diskurs unter Einbeziehung von Fachleuten sollte zudem garantieren, dass auch das Publikum sich ein gutes Bild der Situation machen kann.

In den kommenden zwei Jahren soll mit verschiedenen horizontalen Organisationsformaten experimentiert werden, um auszuloten, inwiefern eine kollektive Intendanz realisiert werden kann. Unter Kollektiv verstehen wir eine offene Gesellschaft, nicht eine strenge Form von Gemeinschaft.  Es geht uns darum möglichst viele Unterschiede in einem Haus zu vereinen. Nicht Angst, sondern die Lust am Versuch soll uns leiten.

 

Künstlerischer Überfluss statt künstlicher Verknappung

 

In Berlin lag eine historisch bedingte, einzigartige Situation vor: Im Zentrum der Stadt gab es günstigen bis kostenfreien Raum im Überfluss. Unsere Stadt wurde einst zum Ort der Sehnsucht – attraktiv und lebenswert für freiheitsliebende und kreative Menschen aus aller Welt. Alles erschien möglich.

 

Doch das Potential verpuffte, denn der Überfluss an Raum wurde nicht mit politischem Willen erhalten. Unsere Stadt wurde als Beute dargeboten. Berlin ist heute ein Weg vorgezeichnet, den schon andere europäische Metropolen beschritten: ein Weg der Verdrängung, ein Weg der Ausgrenzung, ein Weg der Zerschlagung jeglichen Gemeinschaftsgefühls.

 

Die künstliche Verknappung des Raumangebots und die grotesken Spekulationen mit unserem gemeinsamen Lebensraum führen zu einer nicht akzeptierbaren Preisexplosion, unter der nahezu alle leiden. Wir sehen uns mit einer Situation konfrontiert, in der unsere Zugangsrechte grundlos weiter eingeschränkt und unter finanziellen Vorbehalt gestellt werden. Die Stadt aber gehört allen Bewohnern gleichermaßen.

 

 

Warum die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz?

 

Das Theater ist ein geeignetes Zentrum der Stadtentwicklungsdebatte, denn öffentliche Güter sollten öffentlich verhandelt werden. Die Volksbühnenbewegung entstand einst aus dem Wunsch heraus die Zugangsmöglichkeiten der vermögenslosen Bevölkerung gegenüber den eignen Kultureinrichtungen zu gewährleisten und ihnen eine selbstständige Kulturproduktion zu ermöglichen. Beides, eigenständige Produktionen und freier Zugang werden heute immer weiter eingeschränkt. Um diese Entwicklung umzukehren, ist es höchste Zeit alternative Modelle zu entwerfen und exemplarisch umzusetzen. Das Theater bildet in dieser Debatte einen Reflexionsrahmen und ermöglicht die lokale Verwirklichung alternativer Strukturen. Wir rufen alle progressiven Kräfte auf, gemeinsam mit uns, in den kommenden zwei Jahren eine alternative Stadtentwicklung, eine andere gesellschaftliche Zukunft zu entwerfen, dessen Gegenwart wir bereits am Theater experimentell verwirklichen können. Die Bühne ist der Ort des Theatralen und die Mittel unserer Auseinandersetzung sind ebenso theatral. Den beängstigenden gesellschaftlichen Entwicklungen stellen wir uns in einem Akt kollektiver Schönheit entgegen. Gemeinsam wollen wir positive Erwartungen an die Zukunft heranzutragen und sie in lebendiger, praktischer Gegenwart selbstbestimmt verfolgen und verwirklichen. Das Theater ist spielerischer Möglichkeitsraum, um die Stadtgesellschaft der Zukunft zu entwerfen.

Die Frage nach dem Zugang zur Stadt umfasst sowohl den persönlichen und exklusiven Lebensraum, also die Wohnung, als auch die Orte der Kulturproduktion wie das Theater, Ateliers, Proberäume, Werkstätten, Gewerberäume und selbstverständlich auch den öffentlichen Raum, die Straßen, Plätze und Parkanlagen, die wir alle benötigen, um miteinander in Verbindung zu treten. Diese Stadträume sollen sich im Theater gespiegelt finden und andersherum.

 

Grundstruktur der transmedialen Theaterinszenierung

 

Diese mimetische Inszenierung setzt den experimentellen Rahmen, in dem Zukunftsvorstellungen exemplarisch und lokal verwirklicht werden können. Um das zu erreichen, wollen wir bestimmte Grundstrukturen vorschlagen, die es uns erlauben, uns zu organisieren.

 

  1. Selbstorganisierte Arbeitsgruppen
  2. Tägliche Delegiertentreffen
  3. Abendlichen Zusammenkünfte
  4. Wöchentliche Versammlungen
  5. Monatliche Aufführungen
  6. Ständiges Büro
  7. Schiedsgericht

 

 

Selbstorganisierte Arbeitsgruppen

 

Unsere Arbeitsweise ist konstruktiv, antirassistisch und queer. Zunächst gilt für alle möglichen Gremien und Module eine Frauenquote von 50%. Um auch Rassismus und Altersdiskriminierung auszuschließen, werden wir ein gemeinsames Verfahren entwickeln. Das gilt ebenfalls für die Barrierefreiheit.

Die Arbeitsgruppen, unsere Module, dienen der Rahmenbildung und Alltagsbewältigung. Neben den Modulen werden Gemeinschaftsdienste vereinbart, die an die Module angeschlossen sind und von ihnen koordiniert werden. Alle Gruppen arbeiten jeweils selbstorganisiert. Nach Bedarf können zusätzliche Gruppen durch die Versammlung initiiert werden.

 

Die Gruppen gliedern sich wie folgt:

 

Brücke

 

Büro

Im Büro arbeiten 10-16 Personen.

Mitglieder der Brücke übernehmen die Koordination mit anderen Modulen, betreiben das Büro und bereiten die Versammlungen vor. Die Brücke stellt aus ihrer Mitte die Moderierenden für die wöchentliche Versammlung. Neben 6 von der Versammlung wählbaren Personen sind jeweils 2 Delegierte der verschiedenen Arbeitsgruppen Teil der Brücke und feste Ansprechpartner*innen für das Büro.

 

Kommunikation

 

Kooperation

 

Diese Gruppe umfasst 6-12 Personen.

Die AG-Kooperation nimmt Verbindung auf mit möglichen Kooperationspartnern, pflegt Kontakte und ist auch, soweit es sich um Gastspiele handelt, für die Erstellung eines Spielplans verantwortlich. Hinzu kommt die Pflege der Beziehungen zwischen der angestellten Mitarbeiterschaft und den Freiwilligen im Kollektiv.

 

Redaktion

Diese Gruppe umfasst  aus 6-12Personen.

Sie ist Redaktion und Pressegruppe. Sie reagiert auf den öffentlichen Diskurs und übernimmt auf Grundlage unserer Konzepte die Darstellung nach außen.

 

Exkursion

Diese Gruppe besteht aus 6-12Personen.

Dieses Modul dient der Vorbereitung und Durchführung öffentlich wirksamer Aktionen und arbeitet eng in Absprache mit der Funkstation.

 

Botschaft

Diese Gruppe besteht aus 4-6 Personen.

Das Modul ist beauftragt Verhandlungen zu führen. Sie dient ausschließlich diesem Zweck.

Die Mitarbeitenden sind nicht entscheidungsbefugt. Sie nehmen lediglich eine vermittelnde und mediatorische Rolle ein.

 

 

Lebenserhaltung

 

Logistik

 

10-20 Personen

 

Die Logistik ist mit Fragen der Technik und Infrastruktur betraut. Sie verwaltet unseren Technikpool, richtet Infrastruktur ein und sorgt für die technische Sicherheit im Haus. Zudem ist sie Ansprechpartner für Sicherheitsfragen. Diese Gruppe ist für die Organisation dreier Gemeinschaftsdienste verantwortlich:

 

  1. Technischer Dienst.

Er verwaltet den Technikpool, richtet die erforderliche Technik für Veranstaltungen ein und überprüft laufend die technischen Sicherheitsbestimmungen.

  1. Awarness.

Diese Gruppe behält den Überblick über die Gesamtsituation, erinnert alle an die gemeinsamen Regeln und schreitet bei Konflikten kommunikativ ein. Sachbeschädigung oder Gewaltausübung führen zum sofortigen Hausverbot.

  1. Sicherheitsdienst.

Der Sicherheitsdienst reguliert den Zugang zum Haus und sorgt notfalls für die Durchsetzung der Regeln des Theaters.

 

Verpflegung

 

10-20 Personen

Dieses Modul ist für die Gastronomie und Verpflegung im Haus zuständig. Sie organisiert Einkäufe, kocht und sorgt für gastronomisches Personal bei selbstorganisierten Veranstaltungen. Sie organisiert zudem weitere Gemeinschaftsdienste.

 

  1. Der Konvoi, der Einkäufe tätigt
  2. Die Küche, die Kocht
  3. Die Putzkolonne, die putzt

 

 

Delegiertenversammlung

 

Die Versammlung besteht aus mindestens 16 Personen

Die Delegiertenversammlung tritt einmal täglich auf der Brücke zusammen. Das Delegiertentreffen dient der Koordination der Arbeitsgruppen und garantiert in Notfällen die schnelle Handlungsfähigkeit. Es kann ggf. operative Entscheidungen treffen. Alle Vorschläge, die beim Delegiertentreffen entwickelt werden, können von der Versammlung wieder aufgehoben werden. Die Delegiertengruppe ist nicht berechtigt Verhandlungen zu führen. Die Delegiertenversammlung umfasst jeweils zwei Vertretende der Arbeitsgruppen. Das Büro entsendet 4 Personen und bereitet die Versammlung vor. Das Delegiertentreffen kann zusätzliche Versammlungen einberufen.

 

Zusammenkünfte

 

Die abendlichen Zusammenkünfte sind für die vorläufigen Bewohner*innen gedacht. Dabei  werden die Gemeinschaftsdienste organisiert und Versäumnisse besprochen. In ihnen geht es um die Bewältigung des Wohnalltags.

 

Versammlung

 

Die Versammlung findet wöchentlich statt. Teil der Versammlung sind alle Teilnehmenden der transmedialen Theaterinszenierung. Die Versammlung handelt Konsensorientiert. Findet sie keinen Konsens, wird eine Ad-Hoc Arbeitsgruppe beauftragt die Entscheidung vorzubereiten und festzustellen. Die personelle Zusammenstellung der AG muss im Konsens erfolgen. Kann nach Vorbereitung der Entscheidung kein Konsens hergestellt werden, entscheidet die Versammlung mit einfacher Mehrheit ob die Arbeitsgruppe weitere Argumente sammeln und vorbereiten oder ob eine Mehrheitsentscheidung gefällt werden soll.

 

Aufführung

 

Die Aufführung findet monatlich statt. Alle Teilnehmenden sind Mitglieder der Aufführung. Die Aufführung dient der dezentralen Steuerung von Projekten auf Grundlage gleicher Ressourcenverfügung und damit gleicher Gewichte. Sie erlaubt den Teilnehmenden die Verteilung von Ressourcen und die Vorstellung von Projekten. Sie kann als internes Crowdfundingsystem verstanden werden. In ihr werden keine allgemeinen inhaltlichen Beschlüsse gefasst, sind dient ausschließlich der Zuweisung der zur Verfügung stehenden Mittel. Künstlerische Darbietungen können im Anschluss stattfinden und sind explizit erwünscht.

 

Schiedsgericht

 

Das Gericht besteht aus 3-5 Personen.

Das Schiedsgericht wird von der Versammlung gewählt und entscheidet bei Übertretung der Hausregeln über die Konsequenzen

 

Was heißt kollektive Intendanz? – ein Verfahrensvorschlag

 

Eine unserer Prämissen ist, dass wir den Lebensraum der Stadt nicht mehr als Ware denken wollen. Alle Menschen, die die Stadt bewohnen sollen auch gleichwertige Zugangsrechte besitzen. Im Theater wollen wir die gewünschte Zukunft vergegenwärtigen. Deshalb wollen wir während unserer Theaterinszenierung allen aktiv Teilnehmenden gleiche Einflussmöglichkeiten bei der Gestaltung und Nutzung des Theaters garantieren. Hierfür werden die zur Verfügung stehenden Ressourcen in Form gleicher Rechte an alle Mitglieder gleichermaßen verteilt. Die Teilnehmenden wiederum sind frei ihre Ressourcen in Form von Projekten zusammenzulegen. Die wesentlichen Ressourcen sind Raum, Zeit und Geld. Die Zuweisung von Ressourcen und die Vorstellung von Projekten finden bei der monatlichen Aufführung statt.

 

Krümmung der Raumzeit

 

Der Raum, den das Theater umfasst, wird in drei wesentliche Funktionen unterteilt. Erstens der Wohnraum, also der private Rückzugsraum. Dieser Raum ist ausschließlich als Wohn- und Schlafraum zu betrachten. Seine Nutzung ist Wohnzwecken vorbehalten und kann nicht variiert werden. Zugang zu ihm haben nur die Bewohner. Die Räume, die Wohnzwecken unterstellt sind, gehören entweder zum Hotel oder zur WG. Das Hotel dient der Unterbringung von Gästen, also der temporären Unterbringung (z.B. ausstellender Künstler*innen oder den Teilnehmenden einer Konferenz u.a.). Die WG dient vorerst der zeitlich uneingeschränkten Unterbringung der Mitglieder unserer Inszenierung. Sowohl Bewohner*innen der WG, als auch des Hotels sind verpflichtet an den Gemeinschaftsdiensten teilzunehmen. Sie sind zudem verpflichtet, sich in einem der Lebenserhaltungsmodule zu engagieren. Ihre Aufgabe ist, die Gemeinschaftsdienste zu organisieren, Hotelgäste in das Konzept einzuführen und die Rezeption zu verwirklichen.

 

Zweitens die Transiträume, die es erlauben, dass alle sich frei bewegen können und zugleich garantieren, dass Fluchtwege und Sicherheitsbestimmungen eingehalten werden. Sie bestehen größtenteils aus den Fluren, Treppenhäusern und Gängen. Als Transitraum gilt das Minimum, das gebraucht wird, um die reibungslose Bewegung zu ermöglichen und gesetzliche Sicherheitsbestimmungen zu erfüllen. Das zustellen von Transiträumen ist nicht erlaubt.

 

Als Letztes und Drittes sind die Projekträume zu nennen. Sie können allen möglichen Zwecken unterstellt werden und kommen allen festen Mitgliedern des Kollektivs in Form gleicher Nutzungsrechte zu. Da die Nutzung der Projekträume vor allem zeitlich beschränkt ist, wird der Raum als solcher verzeitlicht. Das heißt, dass seine Nutzung nicht wie bei Wohn- oder Transiträumen festen, unveränderlichen Zwecken zugewiesen ist, sondern prinzipiell frei von jeglichem Zweck gedacht werden kann, also als zweckfreie Räume. Erst in einem weiteren Schritt kann das Raumkontingent Projekten temporär zur Verfügung gestellt werden. Somit können Projekträume immer wieder neu mit unterschiedlichsten Ideen gefüllt werden. Da ihre Nutzung wechselnden Zwecken unterstellt werden kann und nicht ausschließlich einer bestimmten Nutzung vorbehalten ist, ist es naheliegend den Raum mit der Zeit zu multiplizieren. So ist es möglich eine hohe Flexibilität intensiver oder weniger intensiver Nutzung zu erreichen. Zudem handelt es sich im Theater um verschiedene Räumlichkeiten, die selbst Beschränkungen unterliegen und in denen ebenso verschiedene Möglichkeiten geben sind (zB. ist der eine Raum 500qm groß und besitzt Bühnentechnik, der andere 100qm und keine, etc.). Daher sollte es den Teilnehmenden möglich sein, ihre Raumrechte zu tauschen. Die Tauschbeziehung darf ausschließlich auf Freiwilligkeit beruhen. Ein Rücktausch ist jederzeit möglich. Eine weitere allgemeine Unterscheidung, die wir im Raum treffen wollen, ist die Nutzung während Tages und Nachtzeit, da Inhalte und die sich daraus ergebenen Emissionen sich stark unterscheiden können und auch sollen. In unserer Stadt wird diesem Unterschied nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt. Es ist für das Stadtbild verheerend, wenn neu Hinzuziehende etablierte Kultureinrichtungen wie Theater oder Clubs wegen der Lautstärke verdrängen. Andersherum ist es nicht zielführend, wenn neue Einrichtungen für Anwohnende zur existenziellen Belastung werden. Eine Reglung in diesem Bereich halten wir für erstrebenswert. Daher werden wird den uns zur Verfügung stehenden Raum entsprechend strukturieren. Die beiden der Volksbühne zugehörigen Salons sollen sich einander in ihrer Funktion entgegenstehen. Der Rote Salon dient dem lauten Nachtleben und einer hedonistischen Zeitlosigkeit des Rausches. Der Grüne Salon hingegen dem kultivierten Tagesleben und konzentriertem Genuss. Verschiedene Bedürfnisse werden nicht gegeneinander ausgespielt, sie dürfen gleichzeitig existieren und sich gegenseitig ergänzen. Zudem werden beide Räume vom Mittelbau getrennt sein, so dass der Zugang zu einem der Salons ausschließlich über die Seitenflügel erfolgt. Um unser Raum-Zeit-Konzept auszuprobieren, wollen wir mit einer Periode von einem Monat beginnen und diesen Zeitraum später gegebenenfalls verlängern oder verkürzen. Während der Aufführung kann der Wunsch artikuliert werden, die schon vergebenen Ressourcen zurückzuholen. Werden mehr als die Hälfte der Ressourcen zurückgeholt, ist dem Projekt Gelegenheit zu geben, neue Unterstützende während der Aufführung zu finden. Finden sich sie diese nicht, wird das Projekt frühzeitig beendet.

 

Beispiel

 

Z.B. stehen insgesamt 1500qm Nutzfläche zur Verfügung die täglich 18 Stunden lang genutzt werden können. Die minimale Inanspruchnahme des Raums umfasst 3 Std, also 6 Zeiteinheiten am Tag. Daraus folgt 6*30 (Tage) also 180 multipliziert mit der Nutzfläche (180*1500 = 270000qm). Aus der Nutzfläche, geteilt durch die Anzahl der Mitglieder, ergibt sich das individuelle Investitionsvolumen. Um es einfach zu halten z.B. 270000qm/270Personen = 1000qm für 3 Std pro Person und Monat. Die Person kann jetzt entweder alles auf ein Projekt und einen Zeitraum bündeln oder es über verschiedene  Projekte und Zeiträume vergeben. (z.B 1*1000qm für 3 Stunden oder 2*500qm für 3 Stunden oder 500qm für 6 Stunden oder 100qm für 30 Stunden oder 10*100qm für 3 Stunden etc). Auf dieser Grundlage sind die Teilnehmenden frei, ihre Rechte zusammenzulegen, so dass größere und komplexere Vorhaben möglich sind und bleiben. Auch der zur Verfügung gestellte Raum für Aufführungen kann so bestimmt werden, indem z.B. das Projekt „Spielplan“ verwirklicht wird. Im ersten Monat stehen für das Projekt „Spielplan“ und Aufführungen 50% des Raumkontingents zur Verfügung. Zahlreichen Kunstschaffenden wird damit die Möglichkeit geboten verschiedene Auftrittsmöglichkeiten zu beanspruchen.

 

Energiehaushalt

 

Unabhängig von der Tätigkeit sollte allen Menschen sowohl ein Grundeinkommen als auch ein Investitionsvolumen zustehen. Um sowohl konsumtiven, als auch produktiven Spielraum zu besitzen. Die bestehende Mitarbeiterschaft ist insofern davon ausgenommen, dass ihre Löhne nicht angetastet, sie aber hierfür von der Ausschüttung des Grundeinkommens ausgeschlossen werden. Die Finanzierung des Grundeinkommens findet ausschließlich durch Spenden und eigene wirtschaftliche Tätigkeiten statt.

 

Ein solches Einkommen gewährleistet allen persönliche Sicherheit und schützt vor Selbstausbeutung. Das Investitionsvolumen hingegen wird sowohl aus Spenden und Einnahmen generiert, als auch anteilig aus den Subventionen des Landes, die für künstlerische Produktionen zur Verfügung stehen. Die zur Verfügung stehenden Mittel sollten ähnlich wie die Raumnutzungsrechte als zweckfreies Investitionsvolumen an alle gleichmäßig verteilt werden. Erst in einem weiteren Schritt kann auf die vorgeschlagenen Projekte verteilt werden. Jeder ist somit sowohl potentieller Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer. Niemandem kommt nur eine Rolle zu, sondern alle können stets beide Funktionen erfüllen. Damit existiert ein gleiches Investitionsrecht unter den Teilnehmenden. Es handelt sich um ein dezentrales Konzept auf Grundlage gleicher Ressourcenverfügung zur inhaltlichen Steuerung unterschiedlicher Unternehmungen und Vorhaben im Theater. Das Grundeinkommen sollte das Investitionsvolumen nicht übersteigen. Überschüssige Einnahmen aus den Projekten stehen nicht Einzelpersonen zu.  Sie werden vergesellschaftet und steigern so das Möglichkeitsspektrum aller gleichermaßen. Während der Dauer dieser Inszenierung sollen die Mittel, die der Volksbühne zur Verfügung stehen nicht gekürzt und dem Kollektiv zur Verfügung gestellt werden. Die Arbeitsverträge der angestellten Mitarbeitenden werden nicht angetastet. Sie werden ausnahmslos übernommen.

 

Wieviele sind wir und wieviele wollen wir sein?

 

Da das Raumangebot im Theater beschränkt ist, wollen wir auch die Anzahl der Bewohnenden und Entscheidungstragenden im Theater beschränken. Insgesamt 500 Menschen können an dieser Inszenierung teilnehmen. Davon entfallen ca. 250 Reserveplätze auf die bestehende Mitarbeiterschaft. Wir gehen von ca. 100 WG-Plätzen aus und bis zu 100 Hotelgästen sowie zusätzlichen 150 aktiven Teilnehmenden. Als aktiv gilt eine Person, die pro Monat mindestens ein Projekt mitgestaltet, mindestens einmal an einem Gemeinschaftsdienst teilnimmt, Teil eines unserer Lebenserhaltungsmodule ist sowie zur monatlichen Versammlung erscheint. Die Bewohner müssen wöchentlich an Gemeinschaftsdiensten teilnehmen, um im Haus wohnen zu dürfen. Das Bewohnen des Theaters in dieser Intensität ist nur solange notwendig, bis eine Duldung seitens der Hausleitung und des Senats erfolgt ist.

Verliert eine Person seinen aktiven Status oder gibt ihn auf, kann eine neue Person anheuern. Diese muss von 6 aktiven Teilnehmenden vorgeschlagen werden bei einer Frauenquote von mindestens 50 %. Sie muss an einem unserer Projekte und einem der Gemeinschaftsdienste teilnehmen. Ein Veto kann ebenso von 6 Mitgliedern eingereicht werden. Wird ein Veto geltend gemacht, wird mehrheitlich über die Aufnahme entschieden. Aufgenommene Mitglieder werden feierlich in der Versammlung begrüßt. Da unsere Lebenserhaltungsmodule, wie der Name bereits sagt, unerlässlich sind, besitzen diese ein vordergründiges Vorschlagsrecht. Das Vorschlagsrecht folgt dem Konsens und bei nicht Einigung dem Rotationsprinzip. Hausverweise sind mehrheitlich, unter Angaben von Gründen und unter vorheriger Einbeziehung unseres Schiedsgerichts zu regeln. Bei eindeutiger Übertretung der Hausregeln (Gewalt, Sachbeschädigung) kann der Hausverweis unmittelbar vom Schlüsseldienst durchgesetzt werden. Sollten mehr Anfragen gestellt werden als Plätze vorhanden sind, werden wir augenblicklich eine Petition aufsetzen, in der der Wunsch artikuliert wird, dass die Stadt Berlin mehr öffentliche Räume zur Selbstorganisation bereitstellen soll. Wir wollen die Nachfrage nach selbstorganisierten Räumen somit effektiv sichtbar machen, sowie die Politik dazu anhalten, zukünftig mehr solcher Räume bereitzustellen. Wenn auch der Wunsch besteht wirklich alle zu beteiligen, so ist mit diesem beschränkten Raumangebot, nur eine beschränkte Teilnehmerzahl  vereinbar. Da wir aber wissen, dass stadtweit für solche oder ähnliche Projekte ausreichend Raum vorhanden wäre, haben wir uns entschieden friedvoll und theatral den Druck auf die Politik zu erhöhen.

 

Was ist ein öffentliches Ensemble und wozu brauchen wir das?

 

Der öffentliche Diskurs über die Massenmedien reicht u.E. nicht aus, um eine sinnstiftende Auseinandersetzung mit den wichtigen Fragen unserer Zeit zu bewerkstelligen. Das Konzept eines öffentlichen Ensembles, reagiert auf diesen Mangel und nimmt mimetisch auf den Alltag der Menschen Einfluss. Nicht das punktuelle Eventerlebnis soll im Vordergrund stehen sondern die anhaltende, vertiefte und alltägliche Auseinandersetzung. Ein öffentliches Ensemble ist frei von der Bindung an einen Ort und betrachtet den gesamten öffentlichen Raum als Bühne gesellschaftlicher Auseinandersetzung. Seine Mittel sind theatralisch. Es wartet nicht auf sein Publikum, es sucht sich das Publikum selbst. Es drängt sich ebenso auf, wie die unausweichlichen Fragen, die sich in unserer Gegenwart stellen. Es besitzt keine feste Anzahl an Mitgliedern, sondern ist so konzipiert, dass potentiell alle an ihm teilnehmen können. Wir laden alle Theatergruppen ein mitzumachen und den öffentlichen Diskurs neu zu beleben sowie das Konzept eines öffentlichen Ensembles gemeinsam weiterzuentwickeln.

 

Macht die Stadt zum Theater und das Theater wird zur Stadt!

 

 

Bekenntnis

 

Die Menschenrechte sind Basis unserer Anschauung. Für uns existiert nur ein Volk: die Menschheit! Leider fehlt den Menschenrechten heute ihr Gegenstück, ein Weltrecht, das allen erlaubt, an der von uns erschlossenen Welt in gleichwertigen Lebensverhältnissen gleichberechtigt teilzunehmen. Die Welt gehört allen Menschen gleichermaßen. Wir verfolgen daher aktiv die Entwicklung universeller ökonomische Rechte, die ausnahmslos allen Menschen zuteil werden sollen.

 

 

3 Comments
  1. […] aussi «urbanistique de la ville», victime d’un phénomène croissant de gentrification, disent-ils sur leur site. Surtout dans ce quartier de l’Est historique, situé à deux encablures d’Alexanderplatz, et […]

  2. […] Konzeptpapier, der „Operation vb6112“ welches in der Volksbühne immer noch nicht wirklich […]

  3. […] Reflexion des Konzeptionspapieres „Operation […]

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